Aus der Asche, Teil 1

Veröffentlicht auf von Nick Dime

 

 

Missmutig schleppte ich mich den düsteren Flur entlang zu meiner Kanzleitür. Das Ging nicht gut, gar nicht gut. Warum muss ich immer Verhandlungen bei Richter Schneider Kriegen? Es ist nicht meine Schuld, dass seine Frau – Ex-Frau den Hund gekriegt hat.

 

Mit einem leichten Surren entriegelte sich das veraltete Mag-Schloss an meiner Tür. Ich wollte es länger schon mal durch ein besseres Schloss ersetzen, doch mit nur einem Blick auf meine Kunstholz Tür mit der großen Milch-glasscheibe wusste der kleine Straßenjunge in mir, dass das beste Schloss nichts hilft, wenn das Fenster mit einem Stein aufgeht.

Und ich will nicht noch einmal durch den Prozess gehen, um ne neue Scheibe einzubauen. Es hat 3 Anläufe gebraucht bis nicht mehr in großen Buchstaben „Kamzlei Nick Dime“ drauf stand. „Kamzlei“, kann denn niemand mehr lesen oder schreiben?  Deutschland geht vor die Hunde.

Gedankenversunken ließ ich die Tür hinter mir ins Schloss fallen und finge an mit meinen Armen zu wedeln, bis der verdammte Bewegungsmelder merkte, dass ich mich bewege.

Flackernd gingen die Neonlampen an und tauchten das kleine zwei Zimmer Apartment das ich meine Kanzlei nenne in zu helles Licht. Nach einigen Sekunden gewöhnten sich meine verbesserten Augen aber an das Licht und mir wurde es wieder all zu sehr bewusst, wie heruntergekommen es hier aussah. Von den alten Stühlen aus zweiter Hand für die wartenden Klienten, zu meinem fast leerem Wasserständer neben dem vollen Mülleimer mit fertig Soy-Nudeln, dem Hässlichem Kotzgrünem Teppich, dem verstaubtem Schreibtisch für meine Sekretärin mit dem altem Kommlink drauf das meine Sekretärin darstellt und schließlich zu meiner grünen Suzuki, die ich in der Ecke abgestellt habe damit sie nicht auf der Straße geklaut wird. Kein Wunder, dass ich nur die verzweifelten und schuldigen Klienten abkriege.

 

Nachdem ich meine Jacke auf meinem Kleiderhaken/Motorrad aufgehängt hatte, ließ ich das Kommlink meine Nachrichten Abspielen.

 

>>Sie haben – zwei – neue Nachrichten. PEEP! Herr Dime, dies ist Frau Schwalbenbacher, sie wissen schon – ihre Vermieterin. Sie müssen das wohl vergessen haben denn ihre Miete ist wieder überfällig, wenn sie nicht …<<

 

Mit nur einem Ohr zuhörend ging ich rüber zu meinem Wasserständer um mir eine Suppe zu machen. Wenigstens musste ich mich nicht allzu sehr über die Miete sorgen. Heute war erst der dritte und der Fall heute, egal wie schief er gelaufen war, brachte mir genug ein für die Miete vom letztem Monat. Nur für diesen sah es schlecht aus. 

 

>>..Sie werden schon sehen. Guten Tag. PEEP! Klopf, Klopf! - Klopf! PEEP!“

 

Ich erstarrte. Das Klopfen, vielleicht ist dies der Monat in dem ich mal die Miete rechtzeitig zahle. Es gibt ein erstes Mal für alles.

Ein scharfer Schmerz riss mich aus den Gedanken, das heiße Wasser aus dem Wasserspender war über den Rand meines Bechers gelaufen. Mit lautem Fluchen hielt ich meine Hand unter kaltes Wasser. Zum Glück war das Wasser aus dem altem Spender nicht wirklich kochend.

Ich sollte ihn besser nicht warten lassen. Meine warme Suppe schlürfend schloss ich meine Kanzleitür hinter mir und das primitive Vergnügen, endlich etwas Warmes im Magen zu haben brachte ein lächeln auf meine Lippen. Routinemäßig tastete ich mein Sakko ab um sicher zumachen, dass die kleine Pistole immer noch da war wo, sie hingehörte. Zufrieden, dass ich wenigstens etwas für den Notfall bei mir hatte eilte ich durch die schlechteren Straßen Gladbachs zu meinem Termin im Casino Empire.

 

 


 

Das Casino Empire strahlte mir schon aus einigen Häuserblöcken Entfernung entgegen. Ein riesiger Wolkenkratzer, der die Umliegenden Häuser bei weitem überragte und mit der riesigen Neonschrifttafel wie ein Leuchtfeuer die Glücksritter der der Stadt wie Motten anlockte. Genau wie die Flamme versprach das Empire Wärme und Licht, nur um die, die ihr zu nahe kamen zu verschlingen. Genau wie mich.

 

Angewidert schaute ich dabei zu, wie scharen an fröhlichen Hoffnungsvollen sich durch den großen Eingang in das hell beleuchtete Innere des Casinos drängten, um an den Automaten und Blackjack-Tischen ihr Glück zu versuchen.

Sind sie wirklich so blind? Sehen die Menschen nicht, wie für jeden der fröhlich hinein Spaziert, ein anderer mit hängendem Kopf und leeren Taschen nach Hause trottet. Düstere Gedanken flogen mir im Kopf herum als ich den Haupteingang ignorierte, um das Gebäude zu umrunden. Am Eingang einer Gasse hielt ich kurz an um mich bereit zu machen.

Schuhe gebunden, Anzug zurechtgezogen, Mundspray, Haare geglättet. Ich schloss meine Augen und holte tief Luft und setzte mein Straßen Gesicht auf und schlenderte als ob ich keine Sorge in der Welt hatte selbstbewusst die Gasse entlang.

Am Ende der Gasse warteten zwei drei meter große Muskelberge, die man schon aus der Entfernung als Homo sapiens ingentis, ( Trolle ) erkennen konnte. Doch vom nahen konnte ich erkennen, dass die beiden in teure Anzüge gekleidet waren deren unscheinbare Ausbeulungen wahrscheinlich Waffen verbargen. Stets wachsam standen sie zu beiden Seiten des Hintereingangs des Empire und qualmten teure Zigarren. Der Größere der beiden, Antonio nahm die Zigarre lange genug zwischen seinen Hauern hervor, um eine Begrüßung von sich zu geben.

 

>>Nick. Lange nicht gesehn, der Don wartet schon auf dich.<<

 

>>Der Don persönlich? Was soll ich sagen? Es frisst einfach zu viel meiner zeit euch Schläger und Mafiosi aus dem Knast zu halten.<<

 

>>So wie ich das seh´ fressen wir vielleicht deine Zeit, aber du hasst deswegen was anderes als Gras zu beißen. Irgendwas dabei über das ich wissen müsste?<<fragte er mich und hielt seine Hand mir entgegen. Als ob all die versteckten Sensoren in der Gasse nicht längst mich gründlichst von Vorne bis Hinten durchgescannt hätten.

 

>>Nicht viel, nur die kleine hier.<< sagte ich und gab ihm meine Streetline Special.

 

>>Süß. Wird das mal `ne Wumme wenn sie groß wird?<< Um auf Nummer Sicher zu gehen tastete mich der andere Troll ab. Schließlich zufrieden, dass ich nicht doch noch eine Waffe versteckt hatte ließ er von mir ab und nickte Antonio zu. Leicht angefressen versuchte ich meinen Anzug wieder zu richten.

 

>>Sieh mich an, Antonio. Wenn ihr Ganoven endlich mal mehr Geld rausrücken würdet könnte ich mir was Größeres leisten. Wie gerne ich auch weiter mit dir quatschen würde, mein Nacken fängt an weh zu werden von all dem Hochschauen. Du hast gesagt der Don wartet auf mich. Wo muss ich Hin?<<

 

>>Ganz oben, wo sonst?<< erwiderte Antonio herablassend und schnippte den Stummel seiner Zigarre die Gasse entlang. Das Penthouse? Der Don persönlich? Seit wann war ich so viel Aufmerksamkeit wert?

 

Mit einem mulmigen Gefühl im Magen machte ich mich auf den Weg zum Aufzug und tat mein bestes selbstbewusst und Abgekocht auszusehen. Die normalen Flure des Empire waren mit Luxus und Verschwendung eingerichtet. Roter Teppiche, Edle Tapeten und goldene Statuen von vollbrüstigen Frauen. Die Personalflure hingegen waren weit davon entfernt. Graue Gänge, duzende an Wachmännern und Kameras an allen Ecken.

Lautlos öffneten sich die Aufzugtür und ein mit normalen Ohren kaum wahrnehmbares surren verriet mir, dass sich in den unscheinbaren Wänden des Flurs MAD-Scanner verbargen. Meine Güte, langsam nimmt das hier Überhand. Mit angehaltenem Atem trat ich in den Aufzug und atmete auf, als nicht eine meiner Verbesserungen einen Alarm auslöste. Hinter mir glitt sofort die Tür zu und der Aufzug setzte sich in Bewegung.

 


 


Veröffentlicht in Shadowrun

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